« Die unendliche Feinheit des Raumes »

Theatrum sonorum frei nach Otto vonGuerickes

Experimenta nova

für vier Instrumente, achtLautsprecher und live-Video (2005)

 

(Programmtext der Uraufführung, 14.10.2005,Magdeburger Concerte)

 

MeineArbeit ist eng an Guerickes Buch «Experimenta nova» (Neue Magdeburger Versucheüber den leeren Raum) mit seinen sieben Kapiteln entlang komponiert.

 

DieKomposition bezieht den Raum der Aufführung, die Festung Mark in Magdeburg,unmittelbar mit ein: acht Lautsprecher und vier Musiker stellen lokal fixierteKlangpunkte am Aufführungsort dar. Wenn sie spielen, spielen sie nicht nur ihre«Stimme», sondern senden auch gleichzeitig ein Signal von ihrer jeweiligenPosition im Raum aus, artikulieren oder «füllen» gleichermaßen diesen Raum vonihrem Standpunkt aus. Zusammengenommen bilden die Lautsprecher und Musiker eineräumlich-geometrische  Matrix aus12 Klangpunkten. Diese Matrix kann auf unterschiedliche Weise« orchestriert » werden: es läßt sich beispielsweise nur einebestimmte Auswahl von Klangpunkten bespielen, oder es kann durch proportionaleLautstärkevariationen die Illusion einer Klangbewegung erzeugt werden. Der Raumwird Bestandteil der komponierten Struktur. Zusammen mit den Musikern und derVideoprojektion ergibt sich eine Art Musiktheater, bei dem die Verfolgung einerräumlichen Klangdramaturgie durch Ortung und Wahrnehmung der Klangbewegungendurch den Besucher im Vordergrund stehen – daher theatrum sonorum, «Klangtheater».

 

DieKlänge, die in dieser Komposition verwendet werden, beziehen sich zum größtenTeil stofflich oder assoziativ auf die Materialien, mit denen Otto von Guerickein seinen Versuchen gearbeitet hat: Metalle, Glas, Holz, Luft und Wasser.Einige der Klänge wie zum Beispiel der «Sonnenklang» in Teil 1 oder dieVentiklappengeräusche in Teil 3 basieren auf Klangaufnahmen von GuerickesGebrauchsobjekten (Halbkugeln, Versuchsinstrumentarium Guerickes). Wenigerfaßliche Materien wie Äther, «Unendlichkeit»,  oder physische Wirkkräfte, die in Guerickes Buch zur Sprachekommen, wurden poetisch gedeutet und in komponierte Musik umgesetzt. Die imsechsten Teil erklingenden pulsierenden Töne basieren auf der Berechnung der«Planetentöne» (den siderischen Umlaufzeiten folgend, d.h. den Umläufen derPlaneten um die Sonne gemessen am «Fixsternhimmel»).

 

Dieunendliche Feinheit des Raumes ist eine Art «musikalisch-poetische Lesung» desGuerickschen Buches. Was mich bei der Lektüre durchweg fasziniert, ist dasSpannungsverhältnis von Experiment und Feststellung: zu welchen SchlüssenGuericke aufgrund der Beobachtungen seiner Versuchsergebnisse kam. Sein stetssachlicher und präziser Ton vermeidet konsequent die Spekulation. Dennoch istsein Entwurf ein Kosmischer: in seinen Schlußfolgerungen zieht es Guericke indie Transposition von experimentell beobachteten Phänomenen ins Universale :die Schwefelkugel als Abbild der auf den Himmelskörper Erde wirkendenkosmischen Kräfte, der luftleere Raum als Allbehältnis des Kosmos. Dabei bleibtGuericke jedoch ein Kind seiner Zeit, einer Epoche, in der der Einklang mit derBibel und dem christlichen Glauben der Wissenschaft (noch) Vorgabe ist. ObwohlGuericke mehrfach von seinem post-kopernikanischen und –descartschen Standpunktaus scholastische Prämissen hinterfragt, gibt es viele Elemente, die imWeltbild seiner Zeit schlichtweg tief verankert waren, z.B. die konkrete Fragenach dem Standort der «Stätte der Seligen», des «Glasthimmels», und demUntergang der Erde beim Jüngsten Gericht.

MitAusnahme des dritten Teils (Eigene Versuche) seines Buches ist Guerickes Werkein eher eklektisch-synthetisches Werk, was ihn als Botschafter des Weltbildesseiner Zeit interessant macht.  

 

DerRaum ist das zentrale Thema in Guerickes Buch. Der erste Teil «Die Welt und ihrBau» behandelt die räumlichen Vorstellungen der Weltbilder des Altertums bis zuhin zu Tycho Brahe. Es werden die Entfernungen der Planeten voneinandererörtert sowie die Frage, in welchen Dimensionen unser Universum existiert undin wie fern es einen « bloß gedachten Raum ausserhalb der Welt» gebenkann.

 

Derzweite Teil «Der leere Raum» befasst sich mit Konzepten des Ortes und der Zeitund stellt die zentrale These Guerickes vom Raum als « das Allbehältnisjeglichen Dinges» vor. Die Leere, das Unendliche  und die Frage, wie sich das Größte zum Kleinsten verhältstehen hier im Vordergrund der Erörterung.

 

Imdritten Teil, «Eigene Versuche», beschreibt Guericke seine Erfindungen undMethoden einen leeren Raum zu erzeugen, im vierten beschreibt er die physischen«kosmischen» Wirkkräfte des Universums, im fünften den Mond und die Erde, imsechsten unser Sonnensystem mit seinen Planeten (damals nur Merkur bis Saturn),und im siebten dann schließlich die Fixsternsphäre und deren Grenze.

 

MeineKomposition folgt formal-dramaturgisch und durchaus programmatisch diesenthematischen Schwerpunkten. Deutlich wird dies gemacht durch Textzitate aus denExperimenta nova, die während der Musik neben den Bildern eingeblendet werden.Die Videospur ergab sich als eine Art «Animation der Musik»: einerseitssollte mit Text und Bild konkret der Bezug zu Guerickes Schrift verdeutlichtwerden. Andererseits bildet die Videospur eine abstraktere Choreographie zurMusik, in der mit Konzepten des Verhältnisses von Ton, Farbe und Geometriegearbeitet wird.

 

Fürdie Bereitstellung des Großteils der Abbildungen und die Genehmigung fürTonaufnahmen danke ich dem Otto-von-Guericke-Museum/Lukasklause sowie demKulturhistorischen Museum Magdeburg.

Allevon mir ausgewählten Guerickschen Texte entstammen der Übersetzung aus demLateinischen von Hans Schimank, Hans Gossen, Gregor Maurach und Fritz Kraffterschienen im VDI-Verlag 1968.

 

©Copyright 2005 by Oliver Schneller/ASCAP.